v.l.: Mentor Ivan, Mentee Aadil und Standortleiterin Luzern Jenny bei einem Treffen.
Bild: Corinne Schnider
1/1 v.l.: Mentor Ivan, Mentee Aadil und Standortleiterin Luzern Jenny bei einem Treffen. Bild: Corinne Schnider
07.11.2019 18:00

«Wir machen das zusammen»

Was haben die beiden gemeinsam? Der 15-jährige Aadil aus Triengen und Ivan, Anfang dreissig aus Luzern treffen sich ein bis zweimal pro Monat. Sie pflegen ein herzliches Verhältnis zueinander. Dass die zwei zueinander gefunden haben, dafür ist das Angebot einer jungen Luzerner Organisation verantwortlich.

"Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung." Was John F. Kennedy bereits richtig erkannte, bestätigen neueste Bildungsstudien. Bildung zahlt sich für jeden Einzelnen aus. So sind Menschen mit steigendem Bildungsniveau insgesamt mit ihrem Leben zufriedener, leben gesünder, sind besser auf dem Arbeitsmarkt.

Nicht alle Jugendlichen erhalten zuhause dieselbe Unterstützung bei der Berufswahl. Einige sind auf sich allein gestellt. So war es auch bei Aadil. Er wächst mit Migrationshintergrund zusammen mit seinen fünf Geschwistern im Luzerner Hinterland auf. Die Eltern haben keine Zeit, kennen das Schweizer Berufswahlsystem nicht oder sprechen nicht ausreichend Deutsch. Und er ist nicht der Einzige: In der Schweiz finden rund 13 Prozent der SchülerInnen nach der obligatorischen Schulzeit keine direkte Anschlusslösung, obwohl es in den vergangenen Jahren durchschnittlich mehr freie Ausbildungsplätze gab als SchulabgängerInnen. Genau genommen waren es im Sommer 2018 81’605 freie Ausbildungsplätze und gerade mal 72’964 SchulabgängerInnen. Damit für möglichst viele SchülerInnen eine passende Anschlusslösung sowie ein gelungener Übergang von der Schule in das Berufsleben stattfinden kann, setzt sich seit sechs Jahren in der Schweiz und seit 2016 in Luzern, die Organisation ROCK YOUR LIFE (RYL)! ein. SchülerInnen mit ungenügender Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld wird ab der 8. Sekundarklasse ein einzigartiges Eins-zu-eins-Mentoring geboten, erklärt Jenny Breitschmid, Standortverantwortliche Luzern. Jugendliche sollen Ermutigung anstatt Entmutigung erfahren. Mit der Unterstützung eines ehrenamtlichen Mentors sowie vier professionellen und zielgerichteten Trainings entfalten die Schüler ihr individuelles Potential.

RYL! arbeitet mit Partnerschulen auf Sekundarstufe zusammen. So kam es auch, dass Jenny Breitschmid und ihr Team an der Schule von Aadil das Programm vorgestellt haben. «Die Vorstellung hat mich neugierig gemacht und ich wusste, dass mir meine Familie nicht in allen Punkten helfen kann», so der 15-jährige Schüler. Ivan ist im Rahmen seiner Tätigkeit beim IT-Unternehmen "Sage AG" in Root in die Rolle des Mentors hineingewachsen. Die "Sage Foundation" ist eine der Sage Schweiz AG angegliederte Stiftung, die verschiedene Projekte weltweit unterstützt. «Für mich ist diese Erfahrung sehr wertvoll. Ich lerne enorm viel im Umgang mit Jugendlichen, was mir auch in meiner Berufstätigkeit als Führungsperson zugutekommt. Ich gehöre zu jenen, die Glück hatten. Mein Elternhaus hat viel für mich gemacht und ich habe eine gute Bildung erhalten». Als Mentor möchte Ivan so etwas zurückgeben.

Perfect Match

Aadil und Ivan haben sich im November 2018 bei RYL! Luzern kennengelernt- bei einem Speeddating, wie Aadil schmunzelnd erzählt. «Wir haben ein Papier mit ein paar Fragen gehabt und konnten uns mit der Hälfte der Leute austauschen. Ivan war zu diesem Zeitpunkt im Ausland und hat sich deshalb per Videobotschaft beworben. «Ich fand sein Bewerbungsvideo so cool, auch dass wir dieselben Interessen teilen, hat mich überzeugt», so Aadil. Es gab ein Match und die Entscheidung ist dann einfach gefallen.

Das vor einem Jahr gestartete Mentoring-Programm der beiden, hat mit professionellen Trainings begonnen. Gemeinsam mit 20 weiteren Mentoring-Paaren aus Luzern, begann damals die 1,5-jährige Beziehung der beiden. Was aber nicht heisst, dass der Kontakt über diese Zeit hinaus nicht mehr aufrecht gehalten wird.

Ein respektvoller, aber auch sehr freundschaftlicher Umgang sei wichtig. Die beiden erinnern sich, wie sie beim ersten Training ihre Ziele und Erwartungen ausgetauscht haben. Daran halten sie sich fest uns und das funktioniere sehr gut. Dass dies keine leeren Worte sind, spürt man auf den ersten Blick. Ivan kann auch stolz auf seinen Mentee sein. Aadil hat diesen Sommer den Sprung von der Sekundarschule C ins B geschafft. Er engagierte sich mehr im Unterricht und konnte seine Leistung stark verbessern. «Ohne die Unterstützung von Ivan wäre dies kaum möglich gewesen. Ich hatte die Vorstellung, dass er wie ein Bruder für mich wird und genauso ist es jetzt auch». Als Mentor versuche ich mein Bestes zu geben und mein Wissenstand zu teilen. Dass Aadil den Sprung in ein höheres Schullevel gepackt hat, macht mich natürlich stolz.

Momentan informieren sie sich zusammen über verschiedene Berufe, suchen nach Schnupperstellen, prüfen die notwendigen Schritte zur Erreichung des Berufsziels (Ausbildung, weitere Schule, etc.). Langsam kristallisiert sich heraus, dass dieses in Richtung Informatik geht. Bewerbungsgespräche üben oder gemeinsam Bewerbungen schreiben kommt dann in einem nächsten Schritt auf das Mentoring-Paar zu. Während den nächsten Schulferien hat Aadil die Gelegenheit, Ivan bei "Sage AG" einen Tag zu begleiten und in die Arbeitswelt einzutauchen.

Jenny Breitschmid freut sich über dieses gelungene Matching. «Sie schaffen es sehr gut, Arbeit mit Spass zu verbinden». Das sei natürlich das Ziel, auch wenn es schon mal vorkam, dass ein Mentoring-Paar das Programm aus verschiedenen Gründen abgebrochen habe.

Das Programm ist schon deshalb gut, weil Menschen zusammenfinden, die sich sonst im Leben wahrscheinlich nie begegnet wären. Es zeigt sich, dass wir manchmal unsere eigene “Blase” verlassen sollten. Damit wir sehen, wie andere Menschen die Welt betrachten.

Das Programm hat viel Potenzial. Es wächst kontinuierlich und hat mittlerweile acht Standorte in der Schweiz. Schweizweit konnten seit der Gründung im Jahr 2013 bislang 565 Mentoring-Paare zusammengeführt werden.

Corinne Schnider