An der Sonderausstellung «Heroes: Centuries of Women's Football» gibt es viele interessante Exponate zu beobachten
Bild: FIFA
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An der Sonderausstellung «Heroes: Centuries of Women's Football» gibt es viele interessante Exponate zu beobachten
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Für FIFA-Museumsdirektor Marco Fazzone gibt es nichts Schöneres als Fussball
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04.07.2019 16:00

Exklusiv-Interview mit FIFA-Museumsdirektor Marco Fazzone

Am kommenden Wochenende steigt der lang ersehnte Final an der Frauenfussball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Auch sonst ist Frauenfussball in aller Munde. Die FIFA trägt dem Boom mit der Sonderausstellung «Heroes: Centuries of Women’s Football», die noch bis am 28. Juli 2019 in Zürich läuft, Rechnung. Im Exklusiv-Interview steht FIFA-Museumsdirektor Marco Fazzone Red und Antwort.

Was dürfen Besucherinnen und Besucher der Sonderausstellung erwarten?

Unsere Besucherinnen und Besucher dürfen eine abwechslungsreiche und spannende Erfahrung erwarten. Wir zeigen Original-Objekte, erzählen Geschichten und präsentieren Erinnerungen von bekannten und unbekannten Heldinnen, die teils auch gegen Widerstände spielten – vom Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zur grössten Frauen-Weltmeisterschaft, die es jemals gab: Frankreich 2019. Wir bieten also eine durchaus emotionale Auseinandersetzung.

Was, denken Sie, ist das Highlight der Sonderausstellung?

Neben klassischen Objekten wie Hope Solos Original-Torwarttrikot von der Frauen-WM 2015 oder einem Paar wunderschönen Frauen-Fussballstiefeln aus dem frühen 20. Jahrhundert steht die Ausstellung ganz im Zeichen interaktiver Stationen. Die Besucherinnen und Besucher können hier aktiv über verschiedene Sinne Informationen und Erzählungen aufnehmen. Es ist, als ob man selbst zum Zeitzeugen wird. Zudem haben wir viele dieser interaktiven Stationen mit provokativen Fragen versehen, um die Besucherinnen und Besucher zur Reflexion über die eigene Wahrnehmung vom Frauenfussball anzuregen. «Heroes: Centuries of Women’s Football» ist ein Dialog. Das ist für mich das Highlight.

Weshalb sollten die Menschen diese Ausstellung besuchen?

Ich habe gemerkt, wie wenig wir alle über Frauenfussball wissen. Sie können lernen. Sie bekommen Inhalte vermittelt, die sie vorher noch nicht kannten und die zum Nachdenken anregen. Und sie verstehen, dass die bekannten Akteurinnen, die sie zurzeit im TV um den WM-Pokal spielen sehen, nun auf dieser Weltbühne stehen, weil vor ihnen zahlreiche Generationen sehr hohe Hürden überwinden mussten und dabei niemals aufgegeben haben. Es geht uns darum, die Geschichte des Frauenfussballs aus einer Zeit weit vor der ersten Frauen-WM 1991 zu erzählen. Es geht dabei um mehr als nur Sport. Es geht um die Gesellschaft.

Welche der vorgestellten Geschichten über den Frauenfussball an ihrer Ausstellung gefällt Ihnen am besten und weshalb?

Unsere Ausstellung ist in vier Kapitel aufgeteilt. Die ersten Spiele, Frauen während des Ersten Weltkriegs, die Zeit der Stadionverbote und die Weltmeisterschaften. Wussten Sie, dass 1971 in Mexiko eine inoffizielle Frauen-Meisterschaft ausgetragen wurde? Dass das Finale in Mexico City, welches Dänemark gegen die Gastgeberinnen 3:0 gewann, laut Zeitungsberichten von 110'000 Zuschauern besucht wurde? Diese Geschichte gefällt mir. Sie war exakt jener kraftvolle Impuls, welcher nötig war, Ansichten über den Frauenfussball zu überdenken.

Welches Ausstellungsstück ist Ihnen am liebsten und weshalb?

Diese Frage wird mir häufig gestellt. Dabei möchte ich doch neutral bleiben. Bei unserer aktuellen Sonderausstellung in Zürich gibt es jedoch ein Element, das mich besonders fasziniert. Wir haben eine grosse Vitrine mit 52 Fächern, die sich immer mehr füllt. Tag für Tag kommen dort – direkt von den Spielfeldern in Frankreich – die Original-Anstossbälle der 52 WM-Spiele hinein. Mittlerweile sind nur noch ganz wenige Fächer leer. «History in the Making!» Wir sind gerade dabei, zu erleben, wie Geschichte geschrieben wird. Dieser Gedanke bewegt mich.

Was, denken Sie, kann Ihre Sonderausstellung zur Förderung des Frauenfussballs beitragen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit «Heroes: Centuries of Women’s Football» mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Sympathien für den Frauenfussball, seine Kultur und seine Geschichte wecken. Dies ist die Aufgabe unseres Museums. Und dies ist ein Ergebnis der riesigen Leidenschaft für den Fussball, die mein Museumsteam jeden Tag antreibt. Aber damit nicht genug. Ich wünsche mir, dass wir mit unserer Sonderausstellung auch unseren Teil dazu beitragen können, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft kritisch hinterfragen zu lassen.

Sind Sie selbst ein Fan von Frauenfussball? Schauen Sie sich die Spiele der Frauen-WM oder andere Spiele an? Auch in der Schweiz?

Ich war in den vergangenen Wochen teilweise in Frankreich und konnte bereits mehrere WM-Spiele besuchen. Ich fiebere mit und freue mich riesig auf jedes weitere Spiel. Auch in der Schweiz habe ich bereits Spiele besucht. Der Fussball hat so viele faszinierende Facetten. Ich werde von jeder einzelnen immer wieder mitgerissen.

Was fasziniert Sie an Frauenfussball oder generell an Fussball?

Der Fussball ist eines der ganz wenigen weltweiten Phänomene, die in allen Ecken des Globus gelebt werden. Überall wird jederzeit Fussball gespielt oder darüber diskutiert. Ist das nicht wundervoll? Dieses ungescriptete Drama bei jedem Spiel, diese immer wieder auf das Neue individuell aufkommenden Erinnerungen nach den Spielen und Turnieren, die jeder mit seinen eigenen Gefühlswelten erlebt hat. Und die damit verbundene Kraft, Menschen miteinander zu verbinden. Das fasziniert mich. Und das ist auch genau das, was ich zurzeit in Frankreich bei der Frauen-WM wieder neu erleben darf.

Der Frauenfussball erlebt derzeit so etwas wie ein Boom. Weshalb ist das so?

Der Frauenfussball hat lange genug dafür gekämpft – und er hat diesen Boom verdient. Der Fussball ist einfach das wundervollste Spiel, das ich mir vorstellen kann. Unabhängig davon, ob er von Männer oder von Frauen gespielt wird. Der Frauenfussball wird in immer mehr Ländern immer populärer. Auch weil die FIFA die Entwicklung mit ihrer fünf Eckpunkte enthaltenen globalen Frauenfussballstrategie intensiv fördert, um das Potenzial gemeinsam mit den Konföderationen, Mitgliedsverbänden, Vereinen, Spielerinnen, Medien, Fans und anderen Interessengruppen voll auszuschöpfen.

Was bräuchte der Frauenfussball, um die gleiche Akzeptanz wie der Männerfussball zu erreichen?

Der Frauenfussball ist auf seine eigene Weise faszinierend und einzigartig. Je mehr wir dies verstehen und annehmen und je mehr Veranstaltungen, wie aktuell die WM in Frankreich, grosse Aufmerksamkeit erzielen, desto beliebter und akzeptierter wird er auf der ganzen Welt.

Glauben Sie, dass die Schweizer Fussballfrauen irgendwann einmal erfolgreicher abschneiden, als ihre männlichen Kollegen?

Man sollte aufhören, zu vergleichen. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass die Schweiz bei der Frauen-WM 2015 in Kanada, ihrer ersten Teilnahme bei dieser Turnierserie, das Achtelfinale erreicht hat.

Glauben Sie, dass die Schweizer Frauenfussball-Nationalmannschaft irgendwann einmal einen Titel gewinnen wird?

Der weltweite Frauenfussball wird in der Spitze immer breiter. Die Frauen-WM wurde bereits von Teams aus drei verschiedenen Kontinenten gewonnen. Die Entwicklung des Schweizer Frauenfussballs ist äusserst positiv. Einige der Spielerinnen sind in Europas Top-Ligen unter Vertrag. Warum also nicht?

Welche Frauenfussball-Mannschaft ist für Sie derzeit die stärkste der Welt? Oder anders: Wer gewinnt die WM?

Auch hier möchte und muss ich als Direktor des FIFA-Museums neutral bleiben. Aber seien sie sicher: Wer auch immer gewinnt, wir werden den Titelträgerinnen würdige Geschichten in unserer Dauerausstellung widmen!

Welche Frauenfussballerin ist für Sie die Beste aller Zeiten und weshalb? Wer bei den Männern?

Diese Frage ist für mich die perfekte Erklärung für die Beliebtheit des Fussballs. Jeder Fan auf dieser Welt hat seine eigene Meinung. Es gibt nichts Schöneres, als diesen emotionalen Diskussionen stundenlang zuzuhören. Natürlich habe ich auch meine Favoriten. Aber ich bevorzuge es, sie für mich zu behalten und stattdessen alles dafür zu tun, dass sich so viele Fans wie möglich aus allen Ecken der Welt diese Frage anhand von aufkommenden Erinnerungen in unseren Ausstellungen stellen, miteinander diskutieren und gegenseitig kennenlernen.

Können Sie sich ein Leben ohne Fussball vorstellen?

Nein, das kann ich zurzeit nicht. Fussball ist ein grosser Bestandteil meines Alltags heute und er wird mich auch in Zukunft begleiten. In welcher Form auch immer. 90 Minuten zwischen unendlicher Freude und tiefster Enttäuschung hin- und herpendeln, ohne vorher zu wissen, wann was passiert? Wenn man einmal mit dem Fussball-Virus infiziert wurde, ist das für das ganze Leben.

Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht bei der FIFA angefangen hätten?

Ich habe zwei grosse Leidenschaften: die Kunst und den Fussball. Ich hatte das grosse Glück, in den letzten Jahren in beiden dieser Bereiche beruflich tätig gewesen zu sein. Somit bin ich irgendwie meinen Träumen, früher Fussballprofi oder dann später Künstler zu werden, sehr nahe gekommen.

Die Fragen stellte: Stefan Kämpfen